8. Mai 2009

Puppenheim…(Kapitel 3 aus Null)

Kategorie: Sombres desirs- Düstere Sehnsucht — rubinblut @ 22:23

Die kleine Ballerina in der Mitte der hölzernen Spieluhr, sie dreht sich im Kreise. Immer und immer wieder.

Ein verzauberte Prinzessin in ihrem Puppenheim, gekettet an Holz und Metall.

Sie dreht sich um sich selbst, um die Welt und die Galaxis.

Und jeder einzelne Ton der klingenden und um sich selbst drehenden Ballerina, gefangen in ihrer Spieluhr, lädt ein diese Welt zu verlassen und ihr in die Gefilde des Puppenheims zu folgen.

Willkommen im Universum der stummen Tänzerin.

Geöffnet sind Tür und Tor, die Treppe führt hinab.

Zwischen schwebenden Kinderseelen verschwindet die Treppe in einer dunklen Ecke und man hört ihren leisen Verfall zu Staub. Ganz leise.

Es ist der Widerspruch eines Geräusches, es ist eher ein Gefühl. Eine Gewissheit, die die von der Materie befreite Seele umhüllt.

Eine Seele, die zuvor den Mantel des Vergessens zu tragen sich sehnte.

Im Puppenheim gibt es keine Spiele. Die Seele wird in die Zwangsjacke der Gewissheit gesperrt und wird somit ein Teil der Galaxie dieser Realität.

Der Realität, die neben der Realität den gleichen Bestand und ein Anrecht hat, ein Anrecht auf die Realität neben der Realität.

Es dreht sich im Kreise. Schneller und schneller.

Taumelnd schwebende Kinderseelen, Sterne und die Klänge der Spieluhr in monotoner Wiederkehr, die sich Stück für Stück in die Seele des Selbst bohren.

Blitzlichter geeint in Blut, in Sekunden, Tagen und Jahren.

Es hämmert, es schreit, es tobt, es weint.

Jeder Befreiungsversuch aus der Zwangsjacke der Gewissheit, lässt die sich drehende Realität des Puppenheims nur anschwellen.

Es verstummt nicht, es darf nicht verstummen und die Stimmen, sie verwandeln sich in klagende Messerstiche, die keiner Materie bedürfen um den Akt des Tötens zu vollziehen.

Die vom Fleisch befreite Seele wird im Strudel der Realität empor gehoben, gewirbelt, gedreht. Fast scheint es ein Spiel zu sein.

Im Puppenheim gibt es keine Spiele.

Empor gehoben, schwebend, drehend um wieder in die Bodenlosigkeit der Realität geschmettert zu werden.

In monotoner Wiederkehr.

Geöffnet waren Tür und Tor, eine Treppe führte hinab.

Im Puppenheim gab es niemals Spiele.

5. November 2008

Spiegel

Kategorie: Sombres desirs- Düstere Sehnsucht — rubinblut @ 17:16

Nachdem sie in seinen Augen ihr eigenes Gesicht sah, so wie er in den ihren vermutlich das seine, wurde sie betrübt.

Sie liebte, zum ersten Mal frei und bedingungslos, aber die Augen, nur die Augen, der Spiegel der Seele. Spiegelte sich seine Liebe in seinen Augen, seine Liebe für sie oder war es nur eine Illusion?

Obwohl die Tage vergingen, nichts böses geschah und die Realität im Ermessen ihres Spielraumes hätten sagen müssen, dass alles in Ordnung sei, forderte die Vergangenheit ihren Preis, den Preis des Unterbewussten.

Sie mochte Musik. Sie mochte viele Dinge, aber Musik war ihre erste Liebe, wie in diesem einen Lied.

Die Melancholie forderte ihren Preis, trotz aller Reflektionen machte sie sich Platz, die Melancholie, unaufhaltbar und enorm an Größe.

Dieses eine Lied, welches sie besonders rührte, erzählte die Geschichte eines Häftlings, der nach 10 Jahren Gefangenschaft auf dem Weg nach Hause im sterben lag. Es spielte keine Rolle, aus welchen Gründen er inhaftiert wurde, es zählte nur der Augenblick, in dem er auf einen Fremden traf und ihn um einen Gefallen bat. Der Sterbende bat den Fremden mit dem wenigem Geld, was er selbst besaß nach Hause zu reisen und seiner Frau zu sagen, dass er sie liebe, sie sich schöne Kleider kaufen solle und einen neuen Mann suchen, weil es nicht gerecht wäre, wenn sie alleine bliebe. Sein Sohn, er wäre Stolz auf ihn, auch wenn er ihn nie kennen lernen konnte. All diese Dinge lagen dem Sterbenden am Herzen und der Fremde, der gänzlich fremde, ihm legte er die Verantwortung in die Hand in der Hoffnung, dass seine Sehnsucht nach Botschaft erfüllt würde.

Die Geschichte, sie forderte kein Ende, denn der Wunsch, dass die Liebe ihre Wahrheit beweißt, trägt sie nicht jeder Liebende ins sich? Die Liebe, die er fühlt vom anderen verstanden und angenommen zu wissen, dass wollte auch sie und so stach ihr jedes Mal bei dem Gedanken daran die Wehmut blutig ins Herz, wie ein Dorn einer wunderschönen roten Rose.

Ummantelt, beschützt von Empfindungen, die eine Zukunft versprachen und ebenso verachtet und gequält von ihrer Vergangenheit trat sie des Nachts vor den Spiegel im Badezimmer und betrachtete sich still. Sie wusste, dass sie nie gehungert hatte und ihre Probleme eine andere Quelle hatten. Sie wollte dankbar sein, doch konnte die Dankbarkeit nicht zu der Realität werden, die sich in ihrem tiefsten Inneren wünschte.

Der Zeitpunkt, an dem es ihr egal war, was andere über sie dachten, sie wusste ihn nicht mehr, denn es war lange her. Aber ganz egal, so frei war sie nicht. Jeder Mensch hatte Sehnsucht nach Liebe und Zuneigung, nach Geborgenheit und Schutz. Das kleine Kind in ihr schrie danach, aber wonach sie sich sehnte, wer konnte es erfüllen? Wer gab ihr die Kraft, die kleinen Dinge wertzuschätzen?

Um sie herum verschwamm der Hintergrund des Badezimmers, den der Spiegel reflektierte und sie sah nur ihre Augen. Wer war sie? War sie nur eine Hülle, die nach außen hin Stärke präsentieren wollte?

Ihre Augen jedoch sprachen von Angst, sie sprachen von Trauer, sie sprachen von Wut und sie schrieen wie das kleine Kind in ihr um Hilfe.

Wie der Hintergrund des im Spiegel reflektierten, verschwamm ihr eigenes Gesicht, sie weinte nicht, obwohl es an der Zeit war. Sie sehnte sich danach, weinen zu können.

Es war auch eine Sehnsucht, die sie dazu trieb, den Spiegel aus den Ketten zu reißen, mit dem sie ihn verankert hatte und ihn auf den kalten Fliesen zu zerschmettern.

Sie kniete sich auf die Scherben, betrachtete ihre Augen ein letztes Mal und dachte an ihn und ihre Liebe, bevor sie sich ihrer Sehnsucht endlich Frieden zu finden entkräftet hingab.

6. Oktober 2008

47 a

Kategorie: Sombres desirs- Düstere Sehnsucht — rubinblut @ 20:01

Der Tisch war schon lange nicht mehr so eben, wie vor Jahren. Rau und rissig, stellenweise mit Worten, durch Messer eingeritzt, verziert; stellenweise war er klebrig vom verschütteten Bier.

Trotzdem fühlte er sich wie ein guter Tisch an.

Wenn man das Stimmengewirr, das Chaos, die Geräusche der Küche, den Qualm, die zwischenmenschlichen Schwingungen und die Musik ausblendete, verweilte die Einsamkeit als letzter Gast in einer Menschenseele voller ungestillter Sehnsüchte. Eine nagende, eine unbewusst latente Einsamkeit.

Eine Einsamkeit, die alles verschlang, bevor ein liebevoller Zug eines menschlichen Gegenübers überhaupt die Seele erreichen konnte.

So war es mit der Einsamkeit, man betäubte sich, um sie zu ertragen und sich von ihr tragen zu lassen. Zwischen den Menschen hindurch, an den Bierflaschen und dem Chaos vorbei, über die Anrichte mit den CDs durch das kleine Fenster auf den dahinter mäßig großen Busch in der Dunkelheit, begleitet durch das trübe Licht der Lampe mit dem blechernen Schirm, wenn man das alles ausblendete, dann gab es nur einen Gegenstand, den man wahrnehmen konnte.

Die beleuchtete Hausnummer 47 a vom Gebäude gegenüber. Viereckig, milchig, mit zwei schwarzen, einfachen Zahlen und einem Kleinbuchstaben beklebt.

Mit dem Oberschenkel ganz nah an das linke Tischbein gelehnt, blieb der benebelte Tunnelblick wieder und wieder an den zwei Zahlen und an dem Buchstaben haften, man musste nur ganz links sitzen, ein kleiner Rutsch mit dem Stuhl über die Bodenfliesen reichte aus. Es reichte aus, diese Hausnummer tief in der Erinnerung zu speichern, weil sie wie ein Mahnmal der Einsamkeit das Leid all der verlorenen Seelen anprangerte. Eine abstrakte Symbolik für die eigene Einsamkeit, die Einsamkeit der Menschen, die man kannte und die Einsamkeit aller Menschen dieser Welt, manifestiert in zwei schwarzen Zahlen und einem Buchstaben. Nicht mehr, nicht weniger.

Man konnte seine Ängste soweit betäuben, dass das rhythmische Aufflackern der Gasflamme der Heizung in der Küche erträglicher wurde, die Angst vor anderen Menschen ebenfalls, die Angst vor der Zukunft und die Angst vor düsteren Träumen und paranoiden Gedanken, all das konnte man betäuben, nur nicht die Einsamkeit.

47 a, die Symbolik verlorener Jahre, verschütteter Träume, ignorierter Visionen und stechender, lodernder Sehnsüchte.

Von rauchigem Nebel umgeben, war man genau an diesem Platz für äußere Reize unantastbar, unverwundbar und abgeschirmt von allem Bewussten, jedoch gleichzeitig leichte Beute für die Allumfassende Einsamkeit, die an diesen Platz gebunden erbarmungslos die Schlinge Stück für Stück enger am Hals ihres Opfers ziehen konnte.

Noch ein weiterer Blick auf die milchige Hausnummer gegenüber, noch ein Ruck an der Schlinge und man fühlte, es war das einzige was man fühlte, die um Hilfe schreiende, kurz vor der Ohnmacht stehende eigene Seele.

Eine einsame, verbitterte und traurige Seele. Eine Seele voller Sehnsüchte, eine hilflose Seele, die sich um sich drehte und wand um ihrem gläsernen Gefängnis zu entfliehen, eine Seele die sich betäuben musste um die zwei schwarzen Zahlen und den Kleinbuchstaben ertragen zu können.

So war es immer, wenn man ganz links mit Oberschenkel an das Tischbein gelehnt betäubt auf dem Stuhl in der Küche saß, nicht mehr und nicht weniger.

Trotz diesem Platz, und nur diesem Platz, fühlte sich der Tisch an, als ob er ein guter Tisch wäre.